Diese Kurzgeschichte erzählt von Valerie, die im Urlaub am Pool vom Hotelzeichner angesprochen wird.

Das Porträt – Eine sommerliche Kurzgeschichte

Heidi Metzmeier Icon

In unserer Schreibgruppe „AutorInnengezumpel“ entwerfen wir Kurzgeschichten, die sich thematisch an den Jahreszeiten orientieren. Heute möchte ich dir meine Geschichte aus dem #Sommergezumpel vorstellen.

Wenn du sie lieber anhören möchtest, statt sie zu lesen, dann kannst du HIER das Audiofile abspielen.

 ++++++++++++++++++

Endlich Sommerurlaub! Er würde nicht so verlaufen, wie sie es sich vorgestellt hatte, aber zumindest war sie jetzt hier. Valerie strich sich in einer flüchtigen Bewegung über das Dekolleté und ertastete dabei, durch den Stoff ihres Leinenkleids, mit den Fingerkuppen die frische Narbe.

Sie breitete ihr Handtuch auf der Liege am Pool aus, stellte den alkoholfreien Cocktail auf den Beistelltisch, ließ sich mit einem Seufzer nieder, rückte ihre Cateye-Sonnenbrille zurecht und schlug das Buch auf, das sie von zu Hause mitgebracht hatte: „Zeichen im Sand“, von Dany Matthes.

Nach einer Weile fiel ein grauer Schatten auf die Seiten. Als sie den Kopf hob, sah Valerie in die dunklen Augen eines schlanken Mannes mittleren Alters, in Shorts und Poloshirt. Er trug eine Staffelei unter dem Arm, einen Zeichenblock in der Hand und hatte eine braune Ledertasche lässig über die Schulter gehängt.

„Entschuldigen Sie, dass ich so unvermittelt vor ihnen auftauche. Ich hoffe, ich habe sie nicht erschreckt. Mein Name ist Antonio, ich bin der Hotelzeichner.“

Valerie freute sich über die Abwechslung und ließ sich auf das Gespräch ein: „Hotelzeichner, sowas gibt´s? Das habe ich ja noch nie gehört.“

Antonio setzte zu einer Erklärung an: „Ich würde mich ihnen lieber als  Antonio, der berühmte Maler von Cinque Terre, vorstellen. Aber ein Leben als Künstler ist leider nicht so einfach. Der Job hier bezahlt zumindest die Ateliermiete.“ Er hatte ein gewinnendes Lächeln.
„Und was hat sie dazu bewogen, ausgerechnet mich anzusprechen?“, wollte Valerie nun wissen.
„Sie sahen so wunderbar in eine andere Welt versunken aus und dabei – ich hoffe sie verzeihen mir – so verletzlich.“
Noch ehe Valerie etwas darauf erwidern konnte, setzte Antonio nach: „Wenn sie mir Model stehen, kann ich mir heute Abend sogar eine warme Mahlzeit leisten. Die Rechnung für das Bild wird natürlich vom Hotel beglichen.“
Dabei verzog er seine Miene zu einem kindlichen Schmollmund. Valerie musste lachen. Dieser Typ war amüsant!

Er zog einen Stuhl zu sich heran, baute seine Staffelei auf, rückte den Zeichenblock darauf gerade, legte Stifte vor sich ab und begann ohne weitere Umschweife.
Über eine Stunde später lag Valerie immer noch auf der Liege, das Buch zwar in der Hand, aber seit dem Beginn der Session um keine Seite weitergekommen. Sie müsse stillsitzen, hatte Antonio sie ermahnt. Inzwischen hatte sie steife Finger und einen trockenen Hals. Außerdem fürchtete sie, einen Sonnenstich zu bekommen. Daher fragte sie nun ungeduldig: „Wie lange brauchen Sie denn noch? Ich werde hier bereits zur Salzsäule.“
Antonio zog die Augenbrauen nach oben. Offenbar war er vollkommen in seiner Kunst aufgegangen und hatte nicht bemerkt, wie die Zeit verronnen war. Dann lachte er: „Einen kleinen Moment noch, dann bin ich fertig.“

Jetzt erst fragte sich Valerie, ob das Bild überhaupt für sie bestimmt war, oder im Besitz des Hotels verbleiben würde, also gab sie die Frage an Antonio weiter. Dieser wusste sie zu beruhigen: „Niemand vom Hotel bekommt das Porträt zu Gesicht, das ist nur eine Sache zwischen dem Künstler und seinem Modell.“ Täuschte sie sich, oder zwinkerte er ihr dabei verschwörerisch zu?

Als Antonio sich aufrichtete, wurde Valerie nervös. Was hatte er in ihr gesehen? Würde er den Schock, die Tränen, die Wut, die Verzweiflung und den Schmerz der letzten Monate festgehalten haben, oder war es ihm nicht gelungen, hinter die Fassade der starken Geschäftsfrau zu sehen? Nichts konnte sie mehr auf ihrer Liege halten. Mit drei beherzten Schritten war sie bei Antonio und schaute über seine Schulter auf ihr Ebenbild:

Antonio hatte sie nackt gezeichnet!?

Es waren eindeutig ihre Kurven, ihre langen Beine und ihre Brüste, die sie so schmerzlich vermisste. Tränen schossen ihr in die Augen und rannen in Strömen ihre Wangen hinab. Zwischen den Schluchzern konnte sie gerade noch hervorpressen: „Es ist wunderschön, Antonio! Bitte verbrenne es.“
Dann rannte sie, ohne sich noch einmal umzudrehen, auf ihr Zimmer.

Als Valerie am anderen Morgen den Frühstücksraum betrat, kam ein Mitarbeiter des Hotels auf sie zu und bat sie, ihm zu folgen. Er führte sie in einen Salon, den sie zuvor noch nie gesehen hatte. Der Mitarbeiter zog sich leise zurück. Jetzt erst sah sie, dass in einer Ecke des Salons eine Staffelei aufgebaut war, darauf die Zeichnung, ihre Zeichnung, von Antonio. Die Tür wurde vorsichtig geöffnet und eine Dame kam herein.

„Guten Morgen, ich bin Callida, die Schwester von Antonio. Ich leite dieses Hotel.“
Valerie konnte sich keinen Reim auf die Situation machen, also schwieg sie.
„Mein Bruder hat mich inständig gebeten, ihnen seine Zeichnung noch einmal zu zeigen. Wir haben sie hier aufgebaut, um ihre Privatsphäre zu wahren.“
„Danke“, war alles, was Valerie zunächst hervorbringen konnte. „Er ist gut, ihr Bruder“, schob sie nach einer Weile nach.
„Ja, das ist wahr. Mich beeindruckt, dass er hinter die Fassaden blickt und in Menschen das sieht, was sie oft selbst in sich nicht erkennen können.“

Valerie hatte sich gestern beim ersten Anblick der Zeichnung so auf ihren Körper konzentriert, dass ihr das Gesicht vollkommen entgangen war. Nun betrachtete sie ihr Gesicht, das nicht etwa auf die Buchseiten schaute, sondern dem Betrachter direkt in die Augen blickte. Die Valerie auf der Zeichnung schien das Schicksal höchstselbst ins Visier zu nehmen. Sie selbst las nun in diesem Blick die Worte: Ja ich bin verletzt, aber ich bin auch eine Kämpferin und werde von jetzt an meine Träume leben. Teste mich!

Sie nahm das Bild vorsichtig von der Staffelei, nickte Callida dankbar zu und verließ den Salon mit entschlossenen Schritten.

ENDE

P.S.: Das Buch „Zeichen im Sand“ von der lieben Kollegin Dany Matthes gibt es übrigens wirklich. Sie schreibt gerade an der Fortsetzung. Für alle Reisefans sei an dieser Stelle verraten, dass es sich dabei um einen Reiseroman handelt, der in Ägypten spielt. Warst du schon mal dort? Erzähl mir gerne wie es dort ist.

Teile den Post:

Verwandte Beiträge

Goldenes Leuchten

Meine Mutter meint ich sei furchtbar blass. Sie hat meine Zurückhaltung noch nie verstanden. »Jedes Jahr das gleiche Drama. Im Winter verkriechst du dich so lange im Dunkeln, bis du vergisst,

Weiterlesen »
Kurzgeschichte "Die letzte Reise" von Heidi Metzmeier

Die letzte Reise

„Ich hasse diese Jahreszeit!“, dachte Irmi zum wiederholten Mal an diesem Morgen. Dauernieselregen, Wind der einem die Haare vom Kopf fegt; Nebel, der sich im Hirn festsetzt oder besser

Weiterlesen »