Nichts!

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Diese Kurzgeschichte für das Autorengezumpel hat mich viel Kraft gekostet, denn im Genre Dystopie bin ich nicht so gern unterwegs. Die zweite Vorgabe „trauriges Kind auf der Schaukel“ hat mich vor weitere Herausforderungen gestellt. Ob ich die Aufgabe gemeistert habe, entscheidest du. Schreib mir gern, was die Erzählung mit dir macht.

**********

Als der tosende Lärm von erstickender Stille abgelöst wird, bricht mir der Schweiß aus. War die Ankündigung der Katastrophe ein Schock, so bin ich jetzt gelähmt von der raschen Bilderfolge im Kopf, was ich draußen vorfinden könnte.
Es kostet mich gefühlt Stunden, den Mut aufzubringen, mein Refugium im Keller zu verlassen. Nur schrittweise nähere ich mich der Falltüre, eine brennende Kerze in der Hand. Strom haben wir schon sein Tagen keinen mehr. Ich berühre den Riegel, zögere noch einen Moment und öffne dann die Klappe.

Das gleissende Licht blendet mich. Ein Windstoß löscht die Kerze und entreißt sie meiner Hand.
Ich blinzele.
Was immer ich erwartet hatte, die Realität ist härter.
Nichts – da wo mein Haus war, meine Straße, mein Wohnort. 

Nichts!

Wo sind all die Dinge hin? Die Menschen? Wenn wenigstens Schutt zu sehen wäre, würde ich vielleicht begreifen.
Zögerlich trete ich von der Leiter vollständig ins Freie, folge der Straße, ob aus Gewohnheit, oder aus Ehrfurcht, kann ich nicht sagen.
Das unsichtbare Monster aus zorniger Luft hat alles mitgenommen: Betonierte Auffahrten, samt fahrender Computermodelle. Steingärten und blickdichte Gartenzäune auch. Keine akkurat geschnittenen Rasen und Igel-mordenden Mähroboter mehr. Keine schiessschartenartigen Fenster wie leere Augenhöhlen und auch keine Bewegungsmelder und gefängnishofähnlichen Blendstrahler.

Ungläubig schüttle ich den Kopf. 

Wo sind all die Anderen? Ich bin doch nicht die einzige Überlebende – sicher, nicht?

Wie lange ich laufe, kann ich nicht sagen. Ich habe jedes Gefühl für Zeit verloren.
Als meine Augen sich an die Sonne gewöhnt haben, machen sie sich auf die Suche nach Strukturen. Gierig klammert sich mein Blick an eine Gruppe Bäume. Sofort beschleunigen sich meine Schritte.
Ein Stück frühlingshafte Natur hat sich ihrem Gegenspieler widersetzt! 

Grün, Leben.

Ich komme näher und kann nicht glauben, was ich sehe. Etwas Rotes bewegt sich rhythmisch zwischen dem Grün. Was ist das?
Nein, wer ist das?
Ich erreiche mein Ziel atemlos.
Ein Kind. Es sitzt auf einer Schaukel. Hält das Seil mit den Händchen fest umklammert. Sein Blick ist starr zu Boden gerichtet.
Als ich es anspreche, zuckt es zusammen. 

„Wer bist du? Wo sind deine Eltern?“ Die Töne, die aus meinem Inneren kommen erschrecken mich selbst. Meine Stimmbänder, seit Tagen ungenutzt, müssen sich an ihre Aufgabe erst wieder erinnern. 

Das Kind schweigt, zeigt nur auf einen kahlen Fleck in der Ferne.

„Ich verstehe“, sage ich. Eine Floskel, denn genau genommen begreife ich ebensowenig, wie dieses Geschöpf.
„Komm, gib mir deine Hand.“
Das Kind rutscht von seiner Schaukel und legt seine kleinen Finger in meine.

Wir gehen, in Richtung Horizont.

In eine ungewisse Zukunft.

Gemeinsam. 

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