Mach dir deine Demokratie selber!

Heidi Metzmeier Icon

Am 23.5.26 war der 77. Geburtstag des Grundgesetzes und unser Bundespräsident Frank Walter Steinmeyer hatte sich gewünscht, dass wir ihn gemeinsam in der Mitte der Gesellschaft feiern.
Wie praktisch, dass die Omas gegen Rechts eben dies vorhatten und zwar mit einem Stand in der Fußgängerzone in Bühl.
Die Gelegenheit habe ich genutzt, mich dem Aufruf angeschlossen Muffins zu backen und mich mit anderen „Omas“ (bei denen auch Opas vertreten sind – offenbar ein gängiges Missverständnis) zusammen ins Getümmel gestürzt. Schwamm drüber, dass bei 30 Grad der Kollege mit der Schale Erdbeeren der deutlich attraktivere Gesprächspartner war. 🤣

Die Veranstaltung war in vielerlei Hinsicht erleuchtend. Was mir zuerst auffiel: Die meisten Menschen waren wie in Trance unterwegs – auf Autopilot. Wenn wir sie ansprachen, schienen sie zu erwachen und erst dann wahrzunehmen, dass sich vor ihren Augen ein Stand entfaltet, an dem Menschen ihnen ein Angebot machen. So mancher hat beim ersten Kontakt auch grimmig geguckt, so nach dem Motto: Welche Sekte ist hier heute unterwegs? Oder: Was wollen die mir jetzt schon wieder verkaufen? Diese skeptische bis abwehrende Haltung kennt man ja von sich selbst, wenn man in der FuZo mal wieder einen Spießrutenlauf veranstaltet, weil hier etwas probiert werden darf und einem dort ein Flyer aufgenötigt werden soll. 

Die meisten Bürger, egal welchen Alters, Geschlechts oder Kulturkreises, waren unseren Worten gegenüber aufgeschlossen. Das hat mich sehr beruhigt, hatte ich doch jüngst – vor allem durch Social Media – den Eindruck gewonnen, dass es um den Seelenzustand unserer Nation nicht gerade gut bestellt ist. Zur Euphorie gab zwar auch an diesem Tag keiner Anlass, aber zumindest wurde niemand ausfallend. 

Wir hatten Grundgesetze zum Verschenken (in verschiedenen Sprachen) dabei. Erstaunlich viele sagten mir, dass sie zu Hause bereits eines haben. Manche meinten sogar, unsere Aktion sei ein guter Impuls, mal wieder darin zu blättern. Besonders rührend fand ich die Dame, deren Mann auf den Tag genau so alt ist wie das GG und die nicht nur liebend gern ein Exemplar, sondern auch ein Törtchen für ihn mitgenommen hat. Da war ich fast ein bisschen neidisch, nicht auch an so einem bedeutungsschweren Tag Geburtstag zu haben. (Na gut, manchmal fällt meiner mit Ostern zusammen 😉.)

Am längsten hat mich allerdings eine Begegnung durch den Tag begleitet, die im ersten Moment nicht positiv auf mich wirkte. Zwei Herren, ich spekuliere hier wild, dass es sich um Vater und Sohn gehandelt haben könnte, schüttelten vehement die Köpfe, als ich sie ansprach, und der ältere der Beiden zischte in angewidertem Tonfall, „macht euch eure Demokratie selber!“.
Ich sah ihnen eine Weile ratlos hinterher.

Erst später ging mir auf, dass der Mann, mit seiner Bemerkung – höchstwahrscheinlich ohne es zu wollen – den Nagel auf den Kopf getroffen hatte: Demokratie ist kein abstraktes Konzept und auch keine Selbstverständlichkeit. Wir sind aufgefordert, sie mit Leben zu füllen, uns aktiv daran zu beteiligen und dafür zu sorgen, dass sie uns erhalten bleibt. Wenn wir uns nicht unsere Demokratie selber machen, könnte sie uns, unter Umständen die leider gar nicht mehr so unwahrscheinlich sind, abhanden kommen.

Wir Menschen sind eine gesellige Spezies und auf Kontakt zu unseren Mitmenschen angewiesen. Fallbeispiele isolierter Säuglinge haben schon vor Jahrzehnten offengelegt, dass wir emotional verkümmern, neurologische Schäden davontragen und sogar früher sterben, wenn andere Seelen sich von uns fern halten. Wir brauchen einander, als Stütze, als Anker und manchmal auch als Korrektiv. Der Hang zu denken wir schaffen es besser allein, ist aus meiner Sicht ein Irrweg.
Auch deshalb bin ich überzeugte Europäerin und Weltreisende.
Zu denken, dass ein Leben in staatlicher Isolation, in einer Nation aus selektierten Individuen, uns zum Glück verhelfen wird, ist eine sehr gestrige Vorstellung und, wie die Geschichte gezeigt hat, zum Scheitern verurteilt.

Unsere Demokratie ist sicher verbesserungsfähig. Ich wäre selbst für mehr direkte Möglichkeiten bürgerlicher Mitbestimmung – wie sie übrigens in einigen Teilen Deutschlands auf kommunaler oder sogar Landesebene bereits praktiziert wird – bei wichtigen Zukunftsentscheidungen (etwa nach dem Schweizer Modell der direkten Demokratie). Das Argument, das sei nicht geübt, lasse ich an der Stelle nicht gelten (siehe oben).

Ich denke außerdem, dass man das Grundgesetz stetig reformieren muss, damit es zeitgemäß bleibt und Schritt hält mit den teils rasanten Entwicklungen, etwa im Bereich künstliche Intelligenz. 

Trotzdem bin ich der Auffassung, dass die Demokratie derzeit das beste System ist, um sich gegen Faschisten und Autokraten zu wehren. Um darüber zu diskutieren, stelle ich mich gern für zwei Stunden in die Fußgängerzone.

Wie denkst du darüber? Ist Demokratie ein Auslaufmodell oder das Beste was wir haben? Welche Emotionen begleiten dich durch den Tag, wenn du aktuelle politische Entwicklungen verfolgst? 

Lass uns miteinander sprechen! Schreib mir gern über das Kontaktfeld dieser Webseite oder direkt per Mail an kontakt@heidimetzmeier.de

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