Stell dir die Szene einmal bildlich vor: Zwei Leichtwanderzelte, aufgebaut im Wohnzimmer, damit der Hund sich daran gewöhnen kann. Der guckt das Arrangement mit dem Hintern nicht an und dabei ist der Plan, für mehrere Tage in Südfrankreich zu wandern, inklusive Übernachtung unter freiem Himmel. All die nützlichen Dinge der letzten Jakobsweg-Pilgerung sind gewogen und strategisch auf zwei Rucksäcke verteilt, die für längere Wanderungen mit Tragekomfort ausgelegt sind.
Der Land Rover ist bestückt mit allem, was man für eine zweiwöchige Tour braucht, inklusive Wasserversorgung mit Außendusche.
Schon bevor wir losfahren, beschleicht uns die Ahnung, dass es ganz anders kommen könnte. Der Blick auf die Wetterprognose verheißt nämlich nichts Gutes. Die Canicule, der französische Ausdruck für die Hundstage, hat sich angekündigt.
Bei der ersten Rast an einer Autobahntankstelle weiß ich wieder, warum ich dieses Land so liebe: Hier gibt es vernünftigen Kaffee und saubere Toiletten zum Nulltarif. Dafür werden wir aber auch gefühlt alle fünfzig Kilometer an einer „Peage“ gebremst, um unseren Beitrag zur Autobahnsanierung zu entrichten. Bis in die Drôme kommen so 150 Euro zusammen. Am Ende des Anreisetages ist mir das allerdings völlig egal, ist das Thermometer doch auf über dreißig Grad geklettert – im Wageninneren wohlgemerkt.

Wir steuern die uns bereits bekannte Ferme Distaise an, die bei France Passion dabei ist und uns daher auf ihrem kurz geschorenen, grünen Rasen zwischen Aprikosenbäumen rasten lässt. Nellie kann ihr Glück darüber kaum fassen, dass die etwa achtstündige Tortur zu Ende sein soll. Sie wälzt sich vor Freude am Boden. Wir unternehmen einen Spaziergang entlang der Drôme und sitzen noch lange vor dem Landy in unseren Campingstühlen, darauf hoffend, dass es drinnen abkühlt. Nellie liegt zu unseren Füßen und grummelt alle an, die sich nähern. Sie ist eben ein Hütehund und bewacht ihre Ressourcen. Die Hündin, die hier zu Hause ist, Labelle, nimmt das „Säbelrasseln“ unseres Jungspunds mit Gelassenheit und trabt mit ausladendem, für Herdenschützer typischem, Hüftschwung davon.
Wir ahnen noch nicht, dass dies für die längste Zeit das saftigste Rasenstück sein wird, das wir zu Gesicht bekommen.
Noch immer optimistisch, queren wir am nächsten Tag in die Cevennen, oberhalb der Ardèche. Das Dörfchen Genolhac hat es uns besonders angetan. Hier lernen wir das schnuckelige Café von Ursula kennen, einer Französin mit deutschen Wurzeln. Den Kaffee gibt´s nur in Begleitung von Gebäck und in Porzellan aus Großmutters Zeiten. Zum Café gehört außerdem ein kleiner Laden, in dem Ursula eine Mischung aus Kunst und Kitsch anbietet, nebst Kleidungsstücken secondhand. Man wundert sich schon bisweilen, wie abseits es Menschen verschlägt. Der Rundgang durchs Dorf zeigt allerdings, dass sich hier einige Lebens-Künstler eingefunden haben und dem Ort damit ein gewisses Flair verleihen. Andernfalls könnte man nämlich den Eindruck bekommen, es handele sich um ein Museum.


Auch an diesem Abend steuern wir einen Campingplatz an. Für uns ist das ein sehr ungewöhnliches, stillschweigendes Abkommen. Bei der Hitze ist es angebracht, alle zwölf Stunden zu duschen. Könnte man natürlich auch mit dem Landy, aber dann müssen wir ständig nachtanken. Nellie freut es, denn hier gibt es einen Fluss, in dem sie sich von den heißen Tagestemperaturen abkühlen kann. Sie ist keine mutige Schwimmerin, aber um bis zum Bauch im Nass zu stehen reicht es.

Weiter geht´s über eine malerische Strecke, die zum Weltkulturerbe gehört, bis Florac. Wobei wir in einem Postkartenort, der sich Le Pond de Montvert nennt, eine Mittagsrast einlegen. Hier sitzen wir unter Bergahorn im Schatten, schauen auf mittelalterliche Gebäude und eine steinerne Brücke über den Tarn. Das einzige Restaurant am Ort offeriert Plat du Jour, also ein Tagesessen mit zwei bis drei Gängen, zu einem fairen Preis. Du darfst dir das aber nicht zu romantisch vorstellen. Da die Straße die einzige Verbindung zwischen den Orten hier ist, rauschen auch Motorräder und Lieferwagen durch. Gelegentlich begegnen uns Pilger zu Fuß oder auf dem Rad. Wir kreuzen auf dieser Tour immer wieder einmal den Jakobsweg. Die letzte Etappe des Tages bringt uns an den nächsten Fluss, die Jonte, bei Meyrueis. Auch dies ein schmuckes Örtchen, das wir zu Fuß erkunden können, weil der Campingplatz nur wenige Hundert Meter vom Zentrum entfernt, direkt am Fluss liegt und über einen Fußweg durch Wiesen und Wald mit dem Dorf verbunden ist. Uns freut das, denn mit Hund an einer Schnellstraße entlang zu laufen, war keine verlockende Aussicht.


Am Abend passiert uns ein Missgeschick, in dessen Verlauf einer von Peters Schuhen im Flussbett landet. Da der Hang am Camp recht steil ist und das Flussbett weit unten, muss Peter sich in typischer Bergrettermanier an Spanngurten, die wir um einen Baum gebunden haben, nach unten abseilen. Glücklicherweise kann er seinen Schuh retten, bevor dieser vom Fluss erfasst und weggespült wird.
Der Canyon der Jonte ist ein echtes Highlight. Die ganze Schönheit zeigt sich bei der Fahrt entlang der schmalen Corniche du Causse Noire. Die weißen, massiven Kalksteinfelsen sind entlang der Route überall zu bestaunen. Dazwischen liegen mittelalterliche Dörfchen, wie etwa La Rozier mit dem Stadtteil Payreleau. Hier oben auf dem Turm haben wir nicht nur eine grandiose Aussicht, sondern können den Greifvögeln bei ihren Ausflügen zuschauen.


Nach vier Tagen erreichen wir endlich den Fluss, den wir für die Wanderung auserkoren hatten: Die Viaur in Okzitanien. Sie ist knapp 170 Kilometer lang und führt durch Waldgebiete und Wiesen. Das Schöne daran ist, dass die Fahrstraße nur gelegentlich das Gewässer kreuzt oder entlangführt. Meist gibt es hier nur Fußwege. Bekannt ist der Fluss übrigens wegen einer sehr imposanten Eisenbahnbrücke aus Stahl, dem Viaduc de Viaur. Als wir Pampelonne erreichen, sind wir auf dem Campingplatz die einzigen Gäste. Das Pärchen, das die Anlage betreibt, empfängt uns freundlich und bester Laune. Offenbar ist hier wirklich bis zu den französischen Sommerferien Nebensaison und nur am Wochenende mehr los. Die Betreiber haben Zelte zum übernachten errichtet. Sie verbreiten ein out-of-africa-Feeling. Es gibt einen Swimmingpool und eine Bar mit Restaurant. Die beiden bewirtschaften das komplett allein. Ich bin beeindruckt von so viel Schaffensdrang. Trotzdem haben sie stets ein Lächeln auf den Lippen.



Uns hingegen beginnt das Lachen zu vergehen, inzwischen ist das Thermometer nämlich auf über 40 Grad geklettert. Selbst mit viel gutem Willen ist an eine mehrtägige Wanderung nicht zu denken. Wir würden das vielleicht noch hinbekommen, aber Nellie nicht. Sie hechelt jetzt schon, ohne jede Anstrengung. Wir geben also unseren ursprünglichen Plan auf und bleiben erst einmal an Ort und Stelle, denn wir sind bislang jeden Tag gefahren und schließlich nicht auf der Flucht. Die Umgebung erlaubt uns Spaziergänge im Schatten, am Fluss entlang und auf die umliegenden Hügel. Nellie wird immer mal wieder gebadet, was sie sehr genießt.
Die Stadt Pampelonne, die weit oben über der Viaur gelegen ist, beeindruckt uns nicht wegen ihrer Architektur, sondern weil sie lebendig ist. Hier, mitten im Nirgendwo Okzitaniens, haben sich Menschen einen Ort geschaffen, an dem gutes Leben möglich ist, weil man es so will. Es gibt Feste wie das Bücherfestival. Die einzige Kneipe am Ort lädt am Abend zum Musik-Event. Der kleine Einkaufsladen hat am Sonntag vormittags geöffnet und man leistet sich einen eigenen Bäcker, wenn auch finanziert durch Subventionen. Das Brot kann es mit jedem Meisterbäcker aufnehmen. Wir haben es getestet! Frankreich tut etwas für seine Kommunen, das sieht man auch daran, dass selbst dieser abgelegene Winkel an ein öffentliches Busverkehrsnetz angebunden ist.



Nachdem wir eingesehen haben, dass für uns bei dieser Hitze nicht mehr möglich ist als schwimmen, schlafen, essen, lesen, fahren, ändern wir den Plan und halten uns ab jetzt strikt an die Vorgabe: Wasser fußläufig erreichbar. So geht es über den Aveyron zum Lot. Dieser Fluss und sein umliegendes Hochland, das Aubrac, haben uns schon auf der Pilgerung begeistert. Das Aubrac im Zentralmassiv ist von herber Schönheit, viel Getreideanbau, imposante Anhäufungen grauer Felsen, gedrungene Steinhäuser und eine spezielle Sorte Rinder. Wir bemerken allerdings, dass schon im Juni die vorherrschende Farbe Goldgelb ist. Das könnte man romantisch verklären, aber für die Bauern bedeutet es, dass sie früh im Jahr Nahrung zufüttern müssen, weil die Tiere nichts mehr zu fressen vorfinden. Ganz abgesehen von den Wassermengen, mit denen die Rinder täglich zu versorgen sind. Wir haben uns ernsthaft die Frage gestellt, wie lange sich Frankreich unter diesen klimatischen Bedingungen die Rinderwirtschaft noch leisten kann. Frankreich ohne Entrecôte und Käse wird eine andere Kultur sein.


In den höher gelegenen Bereichen des Aubrac findet sich der Lac de la Selves, ein See, der vom gleichnamigen Fluss gespeist wird. Während Nellie und Peter sich in kleine Becken, die der Fluss bildet, hineinstürzen und die Abkühlung genießen, bilde ich mir ein, ich muss den See testen. Eine Badewanne! Sofort flüchte ich in den Swimmingpool der Campinganlage, der erfrischend ist, ebenso wie der gekühlte Rosé zum Apéro. So lässt es sich aushalten.

Die Franzosen hingegen sorgen sich um ihre Alten und Schwachen. Ich würde mir eine so hartnäckige und informative Berichterstattung zu Hitzewellen in Deutschland wünschen. Es werden in Dauerschleife Hinweise gegeben, wie man sich verhalten sollte, wie man am besten Alte, Kranke und Kinder schützt und wo man sich Hilfe holen kann, im Ernstfall. Für die Franzosen ist das nicht einfach der Anfang vom Sommer, sondern der Anfang einer nationalen Katastrophe, der man mit Bedacht begegnen muss. Davor ziehe ich meinen Hut.
Inzwischen scheint selbst das Kartenprogramm meines Mobiltelefons zu überhitzen. Ich bekomme Anweisungen in einem Kauderwelsch aus Englisch und Deutsch: „At the next roundabout die erste Abzweigung nehmen.“ Sehr kurios.
Der Teer auf manchen Straßen beginnt sich zu verflüssigen. An besonders kritischen Stellen verteilen Fahrzeuge Löschkalk, ein weißes Pulver, das die Temperatur senken und so die Straße vor Schäden schützen soll.

An der Allier schließlich entscheiden wir, dass es genug ist. Genug der Fluchten, der Hitze und des zum Nichtstun verdammt seins. Es war ein Experiment, wir haben uns der Aufgabe gestellt, aber wir haben gelernt, dass uns die Zeit in Frankreich zu kostbar ist, um sie nicht in Wertschätzung für Natur, Land und Leute verbringen zu können.
Wir kommen wieder – ohne Canicule.

