Eine Kurzgeschichte von Heidi Metzmeier zum Thema Herbst

Herbstmond

Heidi Metzmeier Icon

Diese Geschichte entstand für das Autorengezumpel. Als Vorgabe diente das Bild einer nächtlichen Tänzerin im orangefarbenen Kleid, die von kleinen weißen Wesen umspielt wird. Viel Spaß bei der Lektüre.

Das Haus mit der Adresse „Toter Winkel 13“ lag im Dunkeln.
Lediglich die Glut, die von seiner glimmenden Zigarette ausging, warf dumpfes Licht auf den kurzen Gehweg, der vom rostigen Tor, durch den verwilderten Garten, zum Eingang führte.
Er stand reglos da, in einen Wintermantel gehüllt – die Nächte waren kalt, in diesem Herbst – und wartete.
Es war so still, dass man meinte, den Wimpernschlag des Mannes hören zu können.
Sein Blick war starr auf einen entfernten Punkt gerichtet, dort, wo man den Horizont vermuten konnte.
Gleich musste es soweit sein. Der kalte Ball würde sich bleischwer erheben und seine träge Bahn durch das Universum ziehen.
Doch heute trieben die Sonne und die Erde ein Spiel mit ihm. Kaum, dass er sich mühevoll in die schwarze Nacht erhoben hatte, darauf hoffend, etwas von dem Glanz der Sonne zu erhaschen, warf sich die Erde in die Strahlenbahn.
Der Mond färbte sich rostrot, schmollend, widerwillig.
Doch auf dieses Schauspiel hatten die Sterne nur gewartet. Sie begannen, wie weiße Glühwürmchen um ihn herum zu tanzen, ihn scheinbar zu necken, ob seines orangeroten Kleides.
Und dann geschah das unmögliche.
Der Mond schlug seine Zurückhaltung in den Wind und schloss sich dem Tanz der Gestirne an.
Der Mensch am Boden verfolgte fasziniert, wie alle Regeln außer Kraft gesetzt, der natürliche Satellit der Erde seinen Himmelskörper im Takt einer Musik wog, die nur vernahm, wer für diesen Moment eins war mit dem Universum.
Es war die Nacht auf Allerheiligen, in der vor vielen Jahren seine Liebste die Augen für immer schloss.
Sie hatte ihm ein Versprechen gegeben und gehalten: Stets zur gleichen Nacht in anderer Gestalt zurückzukehren, um für ihn zu tanzen.
Bevor der Mann sich abwendete, um ins Haus zurückzukehren, sah der Mond eine einzige silbrig glänzende Träne über dessen Wange gleiten – die Essenz der Dankbarkeit. 

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