Provence – Côte d’Azur 2025

Heidi Metzmeier Icon

Es gibt Dinge, die bei einer langen Reise erst kurz vor Abfahrt erledigt werden können, Kühlschrank und Lebensmittel ausräumen zum Beispiel. Ich stelle den Korb mit Obst, Gemüse und Brot auf den Küchenboden und verlasse kurz den Raum. Als ich zurückkomme, ist das Brot nicht mehr da. Ich schnappe mir trotzdem den Korb und gehe damit zum Land Rover. Unterwegs treffe ich Peter.
„Hast du das Brot schon runtergetragen?“
„Ich? Nö, wieso?“
In dem Moment schwant mir, was passiert sein muss. Ich renne die Treppe hinauf zur Wohnung und suche Nellie. Diese sitzt satt und zufrieden rülpsend auf ihrer Tagesdecke. Neben sich einen kärglichen Rest der Kruste eines sehr leckeren Laib Valle Maggia. Nun gut, dann eben kein Brot.
Wir fahren auf die A5, als Peter mich fragt: „Hast du eigentlich das I-Pad eingesteckt, das ich kurz vor Abfahrt in den Korb gelegt habe?“
„Ähm, nö.“
Wir fahren also auf der gleichen Auffahrt wieder ab, und holen das I-Pad, denn das brauchen wir zur Navigation mit detaillierten Offline-Karten.

Für unser erstes Ziel brauchen wir jedoch keine Navigation. In der Provence waren wir schon sehr oft und sind trotzdem immer wieder erstaunt, wie viele neue Ecken es noch zu entdecken gibt. Dabei orientieren wir uns an France Passion. Für alle, die das System noch nicht kennen, sei es kurz erklärt: Man zahlt einen Mitgliedsbeitrag von 35 Euro im Jahr und hat dafür Zugang zu etwa 2500 Adressen von französischen Gastgebern. Diese sind Weinbauern, Schaf- oder Schneckenzüchter, bauen Lavendel an oder gehen einer anderen Beschäftigung nach, die sie gern ihren Besuchern vorstellen. Man kann – auf Einladung – mit dem Camper auf ihrem Grundstück übernachten, muss aber autark sein. Es geht vor allem um das Gespräch. Die Einladung bedeutet nicht, dass man von den Produkten kaufen muss. Meist machen wir das aber trotzdem, so kommen allerhand Mitbringsel zusammen von Lavendelöl über Honig und Marmelade bis hin zu Wein oder Sekt.

Grignan mit seinem imposanten Renaissance-Schloss

In Grignan zum Beispiel gibt es gleich zwei Weingüter, die bei dem System mitmachen. Wir besuchen sie beide, auch, weil uns das kleine Dorf mit seinen engen Gassen und kleinen Läden, das um ein Renaissance-Schloss herum gebaut ist – welches hoch auf einem Hügel thront – sofort bezaubert. Und zu allem Überfluss ist auch noch Markt. Wer je einen französischen Markt besucht hat, versteht was ich meine. Die Produkte sind vielfältig, von Obst (um diese Jahreszeit sehr süße Clementinen) über Käse (in allen Reifegraden) bis hin zu Wurst und Brot. Daneben zeigen auch Künstler ihr Handwerk und Kleidung ist stets im Angebot.

Im Herbst in dieser Region unterwegs zu sein ist besonders schön, denn die Felder borden über mit Farben. Die Weinberge leuchten gelb und rot, die Lavendelfelder braun, dazwischen grüne Pinien und goldenes Seegras.

Nellie findet auch bald gefallen an der Provence, denn hier haben viele Menschen Hunde und sind sehr entspannt im Umgang. Leine los und ab geht die Post. Fangen spielen ist immer noch ihre Lieblingsbeschäftigung. Kommt noch ein Spaziergang über das Weingut hinzu, ist sie am Abend so müde, dass sie nach dem Essen in Tiefschlaf fällt.

Künstlerische Hausfassade in Vidauban

Ein Hundespaziergang an der Source du Grozeau in der Nähe von Malaucene entartet allerdings etwas. Wir wollen eigentlich nur eine kleine Runde machen und verlassen uns auf die Wegbeschreibung einer freundlichen Französin. Die Beschilderung sei einfach und der Weg in zwanzig bis dreißig Minuten zu machen. Nach einer Stunde stehen wir vor einem steilen Anstieg, der einer Geröllhalde gleicht. Ganz offenbar haben wir wohl einen wichtigen Abzweig verpasst. Die Aussicht von dort oben ist traumhaft. Hügel formen ein nicht enden wollendes Gebilde aus Höhen und Tiefen. Grün soweit das Auge reicht. Nellie hat besonders viel Spaß, sie läuft vorneweg, kommt aber immer zurück, um zu schauen, wo wir bleiben. Das ist Abenteuer nach ihrem Geschmack. Nach knapp zwei Stunden sind wir an der Quelle und damit zurück am Land Rover. Ich nehme mir vor nie wieder ohne Wasser und Taschenlampe aufzubrechen.

Die Domaine la Sanglière besuchen wir, weil deren Weißwein uns bei einem Mittagessen so gut schmeckt, dass wir den Wirt fragen, wo wir das Weingut finden. Es liegt kurz vor Bregaçon – einem Felsen, der jedem Franzosen etwas sagt, weil jeder Präsident der französischen Republik dort seinen Sommersitz hat. Das Weingut ist uns sofort sympathisch, sie werben nämlich nicht nur mit ihren Weinen, sondern auch mit Land Rovern, mit denen man eine Safari über ihre 45 Hektar großen Ländereien machen kann. Für den Sommer sind Tanzabende mit Live-Musik geplant. Da bin ich doch glatt versucht wiederzukommen.

Essen wie Gott in Frankreich – Aioli geht immer

An der Côte d’Azur angekommen, bleiben wir am Cap Nègre gleich mehrere Nächte hängen. Wir haben direkten Zugang zum Meer und den Strand so gut wie für uns allein. Das freut vor allem unseren Hund, der sich den Wellen entgegenwirft und im Sand suhlt wie ein kleines Ferkel. Manchmal kommen auch hier Kumpel vorbei, mit denen Nellie rennen kann, dann ist sie der glücklichste Hund auf Erden.
Was wir uns fragen: Wie kann man direkt an das Ufer Neubauten setzen, die schon jetzt, bevor sie bezogen wurden, in den unteren Geschossen geflutet werden? Vor allem ist Salzwasser aggressiv. Wer plant sowas?
Wir machen Spaziergänge in der näheren Umgebung, denn hier kann man sehr schön auf alten Eisenbahntrassen, die zu Fahrradwegen umfunktioniert wurden, am Ufer entlanglaufen. Oder über Feuerwehrzufahrten die steilen Hügel hinauf spurten, um die Bucht und das weite Meer von weit oben zu bestaunen. Was mich etwas ratlos macht, sind die vielen Villen, die offenbar sehr reichen Menschen gehören, aber alle verschlossen sind, weil die Besitzer nur wenige Wochen(enden) im Jahr hier verbringen. Zu dieser Jahreszeit sehen wir vor diesen Villen Fahrzeuge (ja, auch meist Land Rover) von Gartenbauunternehmen parken, die das Anwesen in Ordnung bringen. Einen Pariser, der hier ein zweites Haus hat, lernen wir kennen, da er sich für Nellie interessiert. Wir kommen ins Gespräch und er erwähnt nicht nur sein Haus in Paris und seine zwei Hunde, sondern auch seine Land Rover, seine Oldtimer – die er zu sammeln scheint – und seine Motorräder. Ich werde den Eindruck nicht los, dass der Mann Dinge um sich sammelt, um die Leere im Inneren zu füllen. Ob das funktioniert?

Peter hatte in Baden-Baden einen Freund mit französischen Wurzeln, der dort als Designer tätig war. Sie haben sich vor zwei Jahrzehnten aus den Augen verloren. Unlängst ist es uns gelungen, über gemeinsame Bekannte, seine aktuelle Adresse zu recherchieren. Da wir Callian jetzt sehr nahe sind, fahren wir kurz entschlossen in dem kleinen Künstlerdorf vorbei und klingeln an seiner Tür. Leider ist er nicht zu Hause. So kommen wir in den Genuss das Örtchen mit seinen verwinkelten Gassen, dem Schloss und der Kirche, seinen Handwerkerläden, dem Bäcker, dem Traiteur und den Restaurants zu erkunden. Da wir kein Café finden können, das geöffnet hat, fragen wir eine ältere Dame, die zufällig um die Ecke biegt. Ihr kommen nur Läden ins Gedächtnis, die geschlossen sind. Als sie uns wenig später einholt, ist ihr tatsächlich etwas eingefallen und sie begleitet uns, damit wir es auch wirklich finden. Die Besitzer haben den Laden erst seit einem Jahr. Sie ist Brasilianerin, er Franzose, eigentlich Gitarrist. Wir plaudern und haben eine richtig nette Zeit. Mit dem Landy parken wir mitten im Dorf, auf einem Parkplatz, der bis auf den letzten Platz besetzt ist. Ich frage mich, wie dieser Ort im Sommer Touristen verkraftet. Am anderen Morgen haben wir mehr Glück und es wird ein fröhliches Wiedersehen mit vielen Küsschen gefeiert. Die Seelenverwandtschaft ist auch nach all der Zeit noch zu spüren. Die zwei Freunde bringen sich auf den aktuellen Stand, es werden Grüße überbracht und wir bestaunen das geschickt eingerichtete Turmhaus, das bei gutem Wetter einen atemberaubenden Blick über die Landschaft bis nach Aix-en-Provence zulässt.

Das einzige Café im Künstlerstädtchen Callian, das an einem Freitag geöffnet hat.

Beschwingt von dieser Erfahrung fahren wir weiter die Küste entlang. Aber der Abschied von Frankreich fällt uns in diesem Landesteil nicht sonderlich schwer. Um Nizza, Monaco und Co. Ist es einfach nur laut, hektisch und obszön bebaut. Ich komme nicht über die drei Hochhäuser hinweg, die direkt am Meer stehen, wie überdimensionale Kreuzfahrtschiffe aussehen und sogar noch über „Bootsstellplätze“ verfügen, für die eigens ein Parkhaus gebaut werden musste. Und am Strand wohnt ein Mann, dessen Habseligkeiten in einen Einkaufswagen passen. Er kocht sich über einem Lagerfeuer sein Abendessen in einer Pfanne. Ich hoffe, dass er nicht vertrieben wird.

Für uns geht´s nun über die italienische Riviera nach Livorno und von dort aus nach Korsika. So jedenfalls der Plan. Und wir hoffen, dann bist du auch wieder dabei.

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