Offener Brief an den Bundeskanzler

Heidi Metzmeier Icon

Sehr geehrter Herr Merz,
Ich schreibe Ihnen einen Brief, weil ich nicht länger über Sie reden möchte, sondern mit Ihnen.
Es wäre daher schön, wenn Sie dieses Schreiben lesen, und noch schöner, wenn Sie es ehrlich, konstruktiv und auf Augenhöhe beantworten würden.
Womit wir schon beim ersten Thema wären: Konstruktiver Austausch als demokratisches Mittel im Ringen um die beste Lösung. Was ich – im Übrigen über alle Parteien hinweg – erlebe, ist, dass im Bundestag und außerhalb rhetorisch die Messer gewetzt werden, egal, um welches Thema es geht. Von Ihnen als Bundeskanzler würde ich mir, statt in diesen Chor einzustimmen, wünschen, dass Sie alle dazu aufrufen, sich zu mäßigen. Hart in der Sache zu streiten ist eines, aber wenn sich nicht einmal die Volksvertreter einander in der Auseinandersetzung die Würde lassen, wie wollen diese von den Bürgern erwarten, dass sie es tun? Wer sich in der Diskussion nicht mehr in die Augen schauen kann, ohne im Anderen einen Feind zu sehen, der ist Argumenten gegenüber nicht mehr zugänglich. Das ist demokratiezersetzend.

Womit wir beim nächsten Thema wären.
Wie kann es sein, dass Meinung plötzlich Fakten ersetzt und Interessen Einzelner wichtiger sind als das Wohl der Allgemeinheit? Sie haben gesagt, Klimaschutz ist Ihnen wichtig, aber wenn das so ist, warum schützen Sie dann die fossile Industrie zum Beispiel durch das Ausbremsen der erneuerbaren Energien, die Verschleppung des Verbrenner-Aus und die Förderung von Flugverkehr?
Sie sprechen immerfort von Reformen, die die Wirtschaft stützen. Was aber, wenn der Klimawandel alles Wachstum zunichte macht? Keinen Klimaschutz zu betreiben wird uns alle so teuer kommen, dass es kaum noch zu bezahlen ist. Das sagen selbst Experten, die nicht einer links-grün-versifften Geisteshaltung verdächtig sind (zum Beispiel vom Weltwirtschaftsforum).
Warum zählt deren Wort nicht?

Sie haben, wie man liest, sieben Enkel – eine stolze Zahl. Möchten Sie nicht, dass diese in einem Deutschland spielen, aufwachsen und leben können, das lebenswert ist? Vielleicht sind sogar diese Enkel, zusammen mit anderen, an diesem Wochenende auf die Straße gegangen, weil ihnen die Perspektive für die Zukunft fehlt.

Sie haben als Bundeskanzler diesen Eid geschworen:
„Ich schwöre, dass ich meine Kraft dem Wohle des deutschen Volkes widmen, seinen Nutzen mehren, Schaden von ihm wenden, das Grundgesetz und die Gesetze des Bundes wahren und verteidigen, meine Pflichten gewissenhaft erfüllen und Gerechtigkeit gegen jedermann üben werde.“
Das Wohl des Volkes hängt auch davon ab, wie weit man in die Zukunft plant. Die Zukunftsvision, die Sie für unser Deutschland entwickelt haben, habe ich – um ehrlich zu sein – noch nicht verstanden. Es wäre schön, wenn Sie sich die Mühe machen, sie uns noch einmal zu erklären.

Schließlich, ich weiß, Ihre Zeit ist knapp bemessen, möchte ich Sie noch eines fragen: „Nie wieder“ war niemals gegen Links gerichtet. Es bezog sich in der Geschichte immer und bezieht sich auch jetzt – in Ihrem Volk – auf die Gefahren durch den Rechtsextremismus.
Wie lange möchten Sie noch damit warten, der Prüfung des AfD-Verbotsverfahrens zuzustimmen? Was passiert denn, wenn es scheitert? Glaubt wirklich irgendwer, dass dann die restlichen 60 Prozent des Volkes begeistert auch noch zu dieser Partei überlaufen werden? Ich denke, das anzunehmen, ist unvernünftig.
Die AfD mit „guter Politik zu stellen“ (Ihre Worte, nicht meine) hat offenbar nicht geklappt. Ich sage Ihnen, was auch nicht funktioniert: so zu tun, als wäre man die demokratische Variante mit gleichen politischen Zielen, etwa, was die Migrationspolitik angeht. Menschen wählen immer das Original – ok, vielleicht mit Ausnahme der Musik, in der es schon ein paar sehr geniale Coverversionen gibt. Die CDU ist aber keine Rockband, sondern die ehemals größte Volkspartei, die die Regierung stellt. Ich komme also ein letztes Mal auf Ihren Amtseid zu sprechen. Sie haben geschworen, das Grundgesetz zu wahren. Dann nutzen Sie bitte Ihre Autorität, damit Artikel 21 zur Anwendung kommt, bevor wir im Faschismus aufwachen.

Ich unterstelle Ihnen Ehrgeiz und dass Ihnen unser aller Zukunft nicht egal ist, auch im Alter von 70 Jahren.
Wofür möchten Sie in die Geschichtsbücher eingehen?
Es wäre doch wunderbar, wenn die kommenden Generationen über Merz lernen, dass er in politisch extrem schwierigen Zeiten mit Besonnenheit Entscheidungen zum Wohle aller gefällt hat und damit Deutschland vor größerem Unheil bewahrte.
Worum ich Sie im Grunde bitte, ist, Stärke zu zeigen, da, wo wir schwach sind, Größe zu zeigen, da, wo wir klein gemacht werden, und für Einheit zu sorgen, wo derzeit Spaltung herrscht.
Niemand sagt, dass Sie das alleine schaffen müssen. Wir, Ihr Volk, unterstützen Sie, wenn wir das Gefühl haben, dass Sie uns ernst nehmen, wahrnehmen, annehmen, so wie wir sind. Keiner von uns ist ohne Fehler. Fatal ist nur, wenn man aus Fehlern nicht lernt.

Was denken Sie? Ich freue mich auf Antwort.
Ihre Bürgerin
Heidi Metzmeier

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