Korsika – Île de Beauté

Heidi Metzmeier Icon

Es ist erst mein zweiter Besuch auf der Insel. Peter hingegen war seit den Achtziger-Jahren immer wieder hier. Allerdings habe ich kaum Erinnerung an die erste Reise, da wir damals auf dem Rückweg waren von einer Reise, die uns bis in den Nahen Osten führte. Mein Reisekanal war also schon voll, wenn man so will. Peter kennt die Insel vor allem im Spätsommer. Wir sind von den aktuellen Eindrücken beide überwältigt, wenn auch aus unterschiedlichen Gründen. Und das, obwohl der Einstieg etwas holprig ist, denn Bastia begrüßt uns mit greller Vorweihnachtsbeleuchtung und einem derart rücksichtslosen Autoverkehr, dass wir sofort das Weite suchen.

Der erste Einkauf im Supermarkt, der Spar heißt, wie die kleinen Läden bei uns zu Hause früher, hält eine Überraschung bereit. An der Kasse steht eine ältere Dame, Kundin, die hörbar eine Stimmausbildung genossen hat. Sie singt in voller Lautstärke, aus Opern, Operetten, Weihnachtslieder, kurzum einen wilden Mix. Um sie herum hat sich ein Publikum aus Kassiererinnen und Kunden gebildet. Der dadurch entstandene Stau scheint niemanden zu stören. Ich reihe mich ein, höre zu, freue mich, wenn ich eine Melodie erkenne und harre aus, bis ich zur Kasse vordringe.

Wir queren die Insel und machen Station in Saint Florent. Wild campen ist streng genommen überall in Frankreich verboten, auch auf Korsika. Schilder weisen darauf hin, wenn man es wirklich, wirklich nicht möchte, dass Touristen ihre Camper abstellen. Die Buße beträgt bei Zuwiderhandlung 135 Euro, das wird offen kommuniziert. An der Citadelle in St. Florent ist kein Schild. Daher parken wir und erkunden die Stadt. Der Weihnachtsmarkt ist eine Ansammlung kleiner Buden mit viel essbarem und noch mehr Getränken. Die Musik ist laut, die Stimmung ausgelassen.

St. Florent an der Westküste ist ein Fischerort mit Zitadelle, Hafen und Meeresstrand, an dem viel geboten ist.

In der Stadtmitte lassen wir uns auf der Terrasse einer Brasserie nieder. Es ist inzwischen so warm, dass wir im T-Shirt in der Sonne sitzen können, ohne zu frieren. Die Stadt liegt malerisch am Meer, hat einen kleinen Hafen und einen Strandabschnitt. Wie so oft auf Korsika, erheben sich im Hintergrund hohe Berge, von denen einige leicht schneebedeckt sind. Wir entscheiden spontan, dass wir über Nacht bleiben. Als es dunkel wird füllt sich der Parkplatz um uns herum immer mehr mit PKWs. Die Musik am Weihnachtsmarkt kommt nicht mehr aus der Dose, sondern ist jetzt live. Kurz vor Mitternacht kommt ein Vierergrüppchen junger Männer von der Party zurück, steigt in ihr Auto, der Fahrer setzt schwungvoll zurück, mitten in die Seite des dahinter geparkten Wagens. Es tut einen dumpfen Schlag. Der Fahrer zeigt sich allerdings unbeeindruckt, legt den Vorwärtsgang ein und fährt davon. Ich mag mir gar nicht vorstellen, was bei uns nach einer solchen Szene los wäre. Das Wort Fahrerflucht gibt es im korsischen wahrscheinlich nicht einmal.

Am nächsten Tag ist alles auf den Beinen was Laufschuhe hat. Welche Distanz das offizielle Rennen hat können wir nicht ermitteln, aber es laufen alle Altersklassen und selbst eine Fahrradvariante gibt es. Da der Lauf mitten durch St. Florent führt, reihen wir uns in den Stau ein und schauen zu. Einen Parkplatz vor dem Supermarkt zu finden gestaltet sich schwierig, aber wir müssen unsere Vorräte aufstocken, da es für die nächsten Tage in die Wüste gehen soll, ohne Infrastruktur.

Desert des Agriates

Peter hat mir immer davon vorgeschwärmt, jetzt sehe ich dieses einsame Stück Korsika zum ersten Mal mit eigenen Augen und bin begeistert. Die Anfahrt zum Strand von Saleccia ist dosiertes Off-Road-Vergnügen. Wir lassen Luft aus den Reifen, weil die Piste sehr steinig ist, aber sie ist jüngst erneuert worden und daher mit einem 4×4 gut machbar. Es geht durch Macchia, an Erdbeerbäumen vorbei und entlang eines Flussbettes. Nach einer Stunde haben wir die zehn Kilometer bewältigt und stehen vor U-Paradisu, dem Camp am Etang unweit des Strands. Es ist geöffnet, das ist eine Überraschung. Die Begrüßung durch das Paar, das über Winter die Stellung hält, ist freundlich. Wir sind die einzigen Gäste und können uns den Stellplatz aussuchen. Nellie rast über das Camp, dankbar, dass das Schunkeln ein Ende hat.

Der Etang am Camp des Saleccia-Strands
Die Oeil de Sainte Lucie sorgen dafür, dass man nie mehr Geldsorgen hat. Kann man in der Desert des Agriates sammeln.
Der Strandabschnitt an der Desert des Agriates ist um jede Ecke anders.

Der Strand ist sehr lang und weiß mit rosafarbenen Einschlägen von Muscheln und Korallen. Hie und da treffen wir auf Kühe und Stiere, die sich frei bewegen. Da sie keine Markierungen tragen, weiß man nicht, ob sie wirklich niemandem gehören oder nur nicht registriert sind. Mit Nellie pflegen sie friedliche Koexistenz. Peter macht sich auf die Suche nach den Augen der heiligen Lucia, den Oeil de Sainte Lucie, das sind Verschlussdeckel einer Meeresschnecke. Sie haben wunderschöne Maserungen und werden auf Korsika verwendet, um Schmuckstücke herzustellen. Sie haben aber noch eine andere Bedeutung, denn wer eines davon in seinem Geldbeutel trägt, soll angeblich nie mehr Geldsorgen haben. Wir werden das jetzt ausprobieren.

Lange Wanderungen zeigen mir auf, wie vielfältig die Landschaft ist. Wir klettern über Felsen, durchqueren Pinienwäldchen, kommen vorbei an Sträuchern von Wildkräutern, deren Duft schwer in der Luft hängt. Es geht auf und ab. Das Meer ist unser ständiger Begleiter, mal tiefblau, mal türkis. Wir passieren zahlreiche Buchten, die teilweise so flach sind, dass ich mir vorstelle, wie badewannenwarm das Wasser im Sommer sein muss. Hin und wieder kommen wir an aufgelassenen Siedlungen vorbei. Steinhäuser die vor Jahrzehnten verlassen wurden. Vom Wächter des Camps lerne ich, dass hier früher viele Dörfer lagen. Man hat auf den fruchtbaren Böden intensiv Landwirtschaft betrieben.

Dramatische Sonnenuntergänge, mitunter sehr stürmisch

Als uns die Vorräte ausgehen, kehren wir zunächst nach St. Florent zurück, um dann eine weitere Destination anzusteuern. Diesmal ist die Piste in einem schlechten Zustand, von Regenfällen ausgewaschen, mit tiefen Pfützen und mit großen Steinen übersäht. Wir nehmen die Strapaze nur auf uns, weil wir wissen, dass am Ende das Paradies wartet. Wir brauchen für die zwölf Kilometer mehr als zwei Stunden. Als wir am Camp ankommen, das über Steinhäuschen verfügt, die im Sommer vermietet werden, finden wir alles verlassen vor. Aber der Schlagbaum ist offen, so dass wir uns einen Platz aussuchen können. Der Blick über die Bucht von Ghinou ist atemberaubend und wir haben bestes Wetter. Wir bleiben eine Woche, in der uns lediglich ein Angler, drei Radfahrer und zwei Toyoten begegnen. Letztere fahren so rücksichtslos durch die Macchia, dass mir klar wird, warum immer mehr Strecken für Privatfahrzeuge gesperrt werden.

Unweit des Camps am Strand liegt etwas versteckt eine Süßwasserquelle. Dort zapfen wir Wasser zum Kochen und Waschen, um unsere Trinkwasservorräte im Auto zu schonen. Wir haben zwar eine Dusche im Auto, aber Wasser über dem Herd zu wärmen, in Trinkwasserflaschen abzufüllen und sich damit zu duschen geht auch. Wir stellen fest, dass wir zu zweit mit fünf Liter auskommen.
Es etabliert sich ein Ritual aus Morgengymnastik, Frühstück und Spaziergang. Man kann in beide Richtungen vom Camp aus stundenlang unterwegs sein und es wird nie langweilig. Direkt vor der Haustür erstreckt sich eine weiße, mit Disteln bewachsene recht hohe Düne. Erdbeerbäume liefern das Obst frei Haus. Das Wetter ist traumhaft, tagsüber angenehm warm und wenn es überhaupt regnet, kommt der Schauer meist erst dann, wenn wir schon in unserem rollenden zu Hause sitzen. Nur einmal ist der Regen früher dran und schenkt uns einen Regenbogen über dem Meer. Dieses ist übrigens schon recht frisch, wir sehen auf Korsika aber auch um diese Jahreszeit immer wieder vereinzelt Schwimmer und auch Peter taucht mehrfach ein, ohne sich jedoch lange im Wasser aufzuhalten. Das ist schon deshalb keine gute Idee, weil hunderte kleiner Quallen an den Strand gespült wurden.

Ab fünf Uhr Nachmittags wird es stockfinster. Bei klarem Wetter kann man am nächtlichen Himmel tausende von Sternen sehen. Als der Supermond über den Hügeln der Küste aufsteigt, sind wir hingerissen. Wenn die Piste nicht in einem derart jämmerlichen Zustand wäre, würden wir unsere Vorräte auffrischen und wiederkommen. So aber verabschieden wir uns aus dem Paradies und treten den Rückweg an. Diesmal zeigt sich Nellie während der Fahrt irritiert. Ich strecke den Kopf nach hinten und höre es auch. Der Landy macht ein neues Geräusch. Nicht gut! Ich gebe Peter Bescheid, der daraufhin die Lage checkt und wenig später Entwarnung gibt. Der Übeltäter war lediglich ein Ring des Duschvorhangs der sich gelöst hat. Puh…, hier will man nicht liegen bleiben.

Galéria

Ein in Terrassen angelegter Caravanstellplatz direkt am Meer, mit Elektroladesäule, Biotoilette und Entsorgungsstation. Im Winter ist das Ganze kostenlos. Wir treffen auf den ersten anderen Camper. Auf Korsika ist um diese Jahreszeit reisetechnisch tatsächlich nichts los. Den Korsen scheint das ganz recht zu sein. Fünf Monate, in denen sie ihre Insel für sich allein haben. Bis auf so schräge Vögel wie uns. Die meisten Einheimischen sind super nett im Umgang.
In Galéria fließt der Fluss Fango ins Meer. Genau an diesem Zusammenfluss ist das Camp. Der Strand besteht aus dunkelroten Kieselsteinen und überall liegen Felsen in unterschiedlichen Farben. Die Fotos davon sehen aus, als hätte sie jemand nachkoloriert.

Die Felsen bei Galéria – nicht nachkoloriert!
Wassertransport auf korsisch.

Am Morgen bekommen wir eine Vorstellung der Extraklasse. Die glatte Fläche mit eingelassener Beleuchtung, die uns am Vorabend noch Rätsel aufgegeben hat, erweist sich jetzt als Hubschrauberlandeplatz. Der Pilot fliegt ein gekonntes Landemanöver und hängt ein Seil an, mit dessen Hilfe er aus einem Pick-Up Wassercontainer aufnimmt und auf den Hügel in einiger Entfernung fliegt. Das Schauspiel wiederholt sich noch drei Mal. Dann kommt er mit den leeren Containern wieder zurück. Wofür das Wasser bestimmt ist wissen wir natürlich nicht, aber es ist wahrscheinlich – so angeliefert – eines der teuersten Wässer überhaupt. Korsika ist jeden Sommer von Waldbränden bedroht. Wir sehen überall Schilder, dass Feuer entfachen verboten ist. Trotzdem kommen wir auch immer wieder an Waldstücken vorbei, die abgebrannt sind. Im Wald sind Feuerschneisen. Riesige Kissen aus Plastik mit Wasservorräten passieren wir häufig, Hydranten sowieso. Die Feuerwehr ist allgegenwärtig.

Dem Fango flussaufwärts zu folgen ist sehr lohnend. Die Tour führt in eine imposante Bergwelt, vorbei an alten Dörfern mit steinernen Brücken. Wir machen eine kleine Wanderung, bei der wir von einem älteren Herrn vor einem Tor mit Weihnachtsdekoration fotografiert werden.

Der Fango – Verbindung zwischen Bergen und Meer
Historische Brücken – man wusste seinerzeit schon, wie man massiv baut.

Da auch auf Reisen Hausarbeit mitunter nicht erspart bleibt, bildet der Waschsalon den krönenden Abschluss des Tages. Zuvor muss ich beim lokalen Einkaufsmarkt Geld wechseln, denn der Lavamat nimmt nur 1 Euro-Stücke. Nach knapp drei Stunden ist alles sauber und trocken. Zur Belohnung gibt´s ein typisch korsisches Gericht: Omelette mit Brocciu (korsischer Weichkäse) und Minze. Peter weiss sich den lokalen Gegebenheiten anzupassen.

Da wir schon beim Essen sind, müssen wir über Wildschwein reden. Sanglier gibt es auf der Insel in allen Varianten, als Braten, als Pastete oder zu Wurst verarbeitet. Jäger (und ich vermute, dass jeder Korse auch Jäger ist), haben es auf die Tiere abgesehen. Sie scheinen allgegenwärtig. Nicht, dass uns eines leibhaftig begegnet wäre, aber es roch schon sehr oft nach Maggi, was ein untrügliches Zeichen ist. Die Stellen, an denen sie gewühlt haben, waren auf den Wanderwegen noch frisch. Mir graut es vor dem Tag, an dem Nellie auf eine Rotte trifft.

Zwischen Meer und Bergen

Fahren ist auf den Verbindungsstraßen der Küste ehrlicherweise kein rechtes Vergnügen. Peter sagt, Korsika ist eine einzige Kurve, ich verstehe rasch, was er damit meint. Glücklicherweise ist Nellie nicht die Sorte Reisehund, der es schnell schlecht wird, sie hat nur irgendwann die Nase voll von den Serpentinen. Korsen überholen an den unmöglichsten Stellen, vor allem vor Kurven. Da bleibt mir so manches Mal das Herz stehen. Sie wissen aber wohl mehr als wir, denn einen Unfall haben wir tatsächlich nicht erlebt. Was wir allerdings sehen sind Autowracks, die dort bleiben, wo sie entstehen. Das kann an einer Unfallstelle sein, oder im heimischen Garten. Eingewachsene, vom Moos bedeckte Modelle sind keine Seltenheit. Manche werden noch als Ersatzteillager genutzt und wenn diese Phase vorbei ist, als Stauraum.

Manche Strecken belohnen uns für unsere Ausdauer mit traumhafter Aussicht. Um die Stadt Porto beispielsweise ist der Weg in die roten, steil zum Meer hin abfallenden Felsen geschlagen. Eine spektakuläre Wegeführung und Straßenbaukunst vom Feinsten.

Wir erreichen etwas weiter südlich einen einsamen Strandabschnitt. Leider stehen auch hier „Camping verboten“-Schilder. Wir hatten uns auf der Karte eine etwas abseits gelegene Stelle ausgeguckt, aber auch hier sind – handgemalte – Schilder, die das Campieren verbieten. Eine ältere Dame mit zwei Hunden ruft dann auch prompt mit ihrem Mobiltelefon offizielle Stellen auf den Plan und zetert ohne Unterlass. Wenn es um ihre schöne Insel geht, können Korsen sehr ungemütlich werden. Andere Camper wurden schon mit Eiern beworfen, oder man hat ihnen Fischabfälle vor den Van gekippt. Als wir das Schild am Zaun gegenüber entdecken mit der Aufschrift „Vorsicht, hier wird geschossen“, suchen wir dann doch das Weite. Um die Frage gleich zu beantworten: Die meisten Campingplätze sind in der Wintersaison geschlossen und Caravan-Stellplätze gibt es kaum. Es braucht also viel Respekt vor dem Eigentum der Korsen, etwas Kreativität und ein gutes Auge.

Der Charme an Korsika ist, dass wir, wann immer uns danach ist, zwischen Meer und Bergen wechseln können. Heute geht´s in die Berge. Zunächst kommen wir dabei nach Vico, ein etwas verschlafen wirkendes Nest, jedoch mit interessanten Bauten und liebevoller Weihnachtsdeko. Das Restaurant am Platz hat tatsächlich geöffnet und lässt uns – trotz „Hunde verboten“-Schild – mit Nellie eintreten, Verbote werden eben situativ ausgelegt.
Ich bestelle „Figatelli“, ein weiteres Nationalgericht. Daher kommt typische Berglerkost: Würstchen mit Schinkenfüllung, Pancetta, Ei, Pommes und für´s Gesunde ein grüner Salat.
Nach so viel Kalorien müssten wir eigentlich einen Spaziergang machen, aber wir wollen der Bergstraße D4 noch ein Stück folgen. Diese wird alsbald einspurig, die Sicherungsbegrenzung am Straßenrand verliert sich und ich kann direkt in den weit unten im Tal fließenden U Cruzzini schauen. Auf dem Weg passieren wir Bergdörfer, die wie Nester am Hang kleben und ich sende Stoßgebete gen Himmel, dass nicht eines davon tiefhängende Balkone oder zu enge Straßen aufweist, was uns zur Umkehr zwingen würde.

Bei Azzara erreichen wir wieder die Ebene des U Cruzzini und verkriechen uns an einer erhöhten Stelle, die uneinsehbar ist, an den Rand des Flussbettes. Nellie kann nach der Fahrt ihr Glück kaum fassen, endlich spielen! Sie rennt zum Fluss und nimmt erst mal einen kräftigen Zug, dann saust sie durch den Sand, springt über die Felsen und am Ende buddelt sie mit Begeisterung Löcher um den Landy herum.
Wir können uns derweil am sich entfaltenden Bergpanorama nicht satt sehen. Die untergehende Sonne färbt die schneebedeckten Gipfel rosa.
Am anderen Morgen führt der Weg wieder bergan und wir können die Straße am gegenüberliegenden Hang sehen, über die wir gestern gekommen sind. Schwindelerregend. Manches Dorf liegt auf einem Bergrücken, dahinter erhebt sich ein schneebedecktes Massiv, so stelle ich mir Nepal vor.

Serra die Ferro

Unsere letzte Station – vor Bonifacio ganz im Süden, wo wir nach Sardinien übersetzen wollen – ist Serra di Ferro, bei Propriano. Hier gibt es tatsächlich einen Campingplatz der das ganze Jahr über geöffnet hat. Toni, der Betreiber, geht auf die achtzig Jahre zu, fährt eine BMW und weiß auch sonst wie man lebt. Sein Camp ist malerisch an den Hang gebaut, so dass wir von unserem Frühstücksplatz aus auf die Bucht darunter sehen können. Auf dem Grundstück wohnt auch ein Esel, der immer dann laut wird, wenn er Hunger bekommt.
Die sanitären Anlagen geben nicht so viel her, denn das Wasser ist kalt. Wir füllen daher unsere Reserven und duschen im Auto. Wozu hat man schließlich ein Bad mit angeschlossener Warmwasserversorgung über die Heizung.

Camp mit Aussicht, so gefällt uns das

Einzig störend ist der leichte Brandgeruch, denn die Korsen nutzen den Winter, um ihren Grünschnitt zu verbrennen. Da kann es schon mal vorkommen, dass einer das ganze Tal einnebelt. Ich nehme es afrikanisch und ignoriere das weitgehend. Was im Übrigen auch für das Müllthema gilt. Theoretisch wird auf der Insel alles getrennt. Es gibt Container für Papier und Karton, für Verpackungsmüll, Glas, Restmüll und sogar Biomüll. Was wir aber mehr als einmal sehen ist, dass ungeachtet der Containerfarbe alles in eine Tonne geworfen wird. Schlimmer noch sieht es mancherorts neben den Containern aus. Da liegen Matratzen, ganze Sessel und sogar Kloschüsseln. Das Müllthema auf einer Insel in den Griff zu bekommen ist sicher nicht einfach. Die Bemühungen sind da, die Korsen scheinen nur in Teilen nicht sonderlich kooperativ zu sein. Das Gesagte gilt übrigens nicht für die Strände, die sind auffällig sauber.

Wie gesagt, ich bin Meisterin im Ausblenden, denn die Gegend hier ist wirklich traumhaft schön, noch dazu bei strahlendem Sonnenschein. Wir bleiben sehr viel länger als geplant, was auch daran liegt, dass wir Natascha und Stefan treffen, zwei Nordpfälzer, die hier schon länger Station machen. Wir verstehen uns auf Anhieb und so ergeben sich viele Gespräche. Dazwischen machen wir Ausflüge, zum nahegelegenen Turm, in die Stadt Porto Pollo, zu unseren Füßen, wo wir tatsächlich ein Huhn kaufen und es anschließend den steilen Hang hinauftragen. Außerdem gibt es hier sagenhafte Buchten, die durch einen Küstenwanderweg miteinander verbunden sind. Mir fehlt die Vorstellung, dass es hier an diesem abgelegenen Ort im Sommer sehr voll sein soll, aber Peter bemerkt zu Recht, dass viele wahrscheinlich von der Meerseite mit dem Boot ankommen. Heute liegt in der größten Bucht nur ein Katamaran. Ansonsten haben wir das Paradies ganz für uns allein.

Am letzten Abend machen wir noch einen Rundgang durchs Dorf und bestaunen die üppige Weihnachtsdeko an der Bar gegenüber der Schule. Zur Deko gehört, neben allerhand aufblasbarem Plastik-Bimbi, die Fahne der korsischen Separatisten. Korsen sind etwas Eigenes, das betonen sie immer wieder. Sei es, indem sie über das Festland von Frankreich sprechen, als würden sie nicht dazugehören. Sei es, wenn sie die französische Beschriftung von Ortsbezeichnungen durchstreichen, damit man nur mehr die korsische Bezeichnung erkennen kann.

Wir jedenfalls kommen bei unserem Rundgang an einer Bar vorbei, in der Licht brennt. Wir öffnen die Tür und schauen in zwei Augenpaare: Ein junger Mann und ein älterer Herr sitzen beim Spiel an einem Tisch vor dem offenen Kamin, in dem ein Feuer brennt, und schauen neugierig auf, wer stört. Wir fragen, ob wir etwas trinken dürfen und der Junge meint, es sei zwar eigentlich geschlossen, aber wir sollten ruhig reinkommen. Peter meint, Gastfreundschaft wird bei den Korsen sehr hoch bewertet, man beherbergt selbst den Feind, wenn er in Schwierigkeiten ist. Das gefällt mir.

Auf meinem zweiten Besuch habe ich Korsika als einzigartige europäische Perle kennengelernt, mit einer Vielfalt an Landschaften, leckerem Essen und freundlichen Menschen, die allerdings auch keinen Hehl daraus machen, dass sie im Winter gern unter sich wären. Mit Wärme im Herzen ziehen wir weiter zur nächsten Insel. Mal schauen, welche Überraschungen Sardinien diesmal für uns bereithält.

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