Kurzgeschichte - Das Klavier - Heidi Metzmeier

Das Klavier

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Ich hatte keine Farm in Afrika … und doch war ich so privilegiert, den Kontinent regelmäßig zu bereisen. Unser privates Expeditionsmobil wartete in Nairobi auf den alljährlichen Besuch. Mein Partner und ich erkundeten das südöstliche Afrika, bis wir die Gelegenheit bekamen, den Kontinent in ganzer Länge zu durchqueren. Pioniere nennen Afrikaner Menschen wie uns, bis heute. Zweiundzwanzig Länder, in elf Monaten, die sich wie ein nie enden wollender Sommer anfühlten. Das Tempo erlaubte leider nur, auf jede der Kulturen ein Schlaglicht zu werfen. Eines habe ich dabei verstanden: Dieser Kontinent tickt in vielerlei Hinsicht anders als Europa. Was Afrika auszeichnet ist sein Herzschlag, ein scheinbar gleichförmiger Rhythmus, langsam zwar, aber beständig. Der Puls des Lebens findet sich im Gang der Kinder zur Schule, im Pochen der Stößel bei der Erzeugung von Maismehl ebenso, wie im Gesang der Frauen auf dem Weg zum Markt. Afrikaner sagen: »Ihr habt die Uhr, wir haben die Zeit.«

Work-Life-Balance ist ein Begriff, den man ihnen nicht erklären muss, sie achten intuitiv darauf, dass das Leben bei aller körperlicher Arbeit nicht zu kurz kommt. Musik ist ein lebendiger Teil ihrer Traditionen. Das Vergnügen darin einzutauchen hatte ich als Schülerin verschiedener Griots – das sind Sänger und Instrumentalisten, die auf die mündliche Überlieferung der Geschichte spezialisiert sind. Ich begriff bruchstückhaft, welche Bedeutung die Trommel, Djembe genannt, für die Menschen hat. Sie treibt den Rhythmus des kontinentalen Herzschlags an und erzählt von längst vergangenen Zeiten. Traditionelle Instrumente wie das Balafon und die Kora, vom Meister beherrscht, brachten mich zum Weinen, zum Lachen und versetzten mich in Trance. Als europäisch geprägte Musikschülerin verzweifelte ich an der Suche nach der Eins. Noten sind überflüssig, hier verlässt man sich auf Hören und Fühlen.

Ich hingegen hatte eine fundierte, wenn auch konservative, musikalische Grundausbildung genossen, keine Ruhe gegeben, bis meine Eltern einem Klavier im Wohnzimmer zustimmten. Ich spielte es relativ talentfrei, aber mit Begeisterung. Meiner Mutter verursachten die Übungsstunden Zahnschmerzen. Der Zischlaut, der ihr bei Fehlern – an immer gleicher Stelle im Stück – entfuhr, ist unvergessen.

Das Klavier zog zwei Mal mit mir um, kam kontinuierlich weniger zum Einsatz, bis es schließlich als nostalgische Erinnerung an längst vergangene Tage im Keller ein trauriges Dasein fristete, verdeckt durch ein Stück Stoff, auf dem sich der Staub der Jahre sammelte. Jenen armseligen Zustand zu beenden galt in diesem Sommer mein Inserat im Internet: Klavier an Selbstabholer zu verschenken. Es kostete mich einiges an Überwindung, diese fünf Worte zu tippen. Zunächst passierte: nichts! Ich interpretierte das als Zeichen. Wenn keiner das Klavier als Geschenk mag, dann sollst du es wohl behalten.

Die erste Rückmeldung war ein Angebot, das Instrument für 300 Euro zu entsorgen. Unverschämtheit! Dann die Anfrage in unrundem Deutsch, ob das Klavier noch zu haben sei. Ich atmete tief durch und vereinbarte einen Termin. Am Abend fuhr ein Kombi vor. Ein Kombi! Als die Insassen ausstiegen, blinzelte ich, um sicher zu sein, dass mein Gehirn mir keinen Streich spielte. Die Familie mit – wie ich im Verlauf des Gesprächs erfahren sollte – Wurzeln in Kamerun, war gekommen, um den Herzenswunsch der Tochter zu erfüllen. Sie hatte nicht locker gelassen ihre Eltern mit dem Wunsch zu bedrängen, das Klavier doch bitte abzuholen, damit sie Unterricht nehmen kann. So wie ich in Afrika anfänglich keinerlei Gespür für das Fell einer Trommel hatte, so war den Eltern nicht beizubringen, dass man ein Klavier niemals liegend transportieren sollte, weil dabei sowohl der Klang- als auch der Resonanzkörper dauerhaft beschädigt werden könnte. Zudem ist ein Klavier unfassbar schwer. Mir war schleierhaft, wie die Familie das Unterfangen des Transports bewältigen wollte. Ich hätte es besser wissen müssen, denn erfahrungsgemäß finden Afrikaner für alles eine Lösung.

Nachdem übergangsweise allerhand Eimer mit undefinierbarem Inhalt aus dem Kofferraum verbannt worden waren, machte sich das Familienoberhaupt an die Aufgabe, das Instrument – das wir immerhin schadenfrei auf Rollwägen bis zum Auto bewegt hatten – in den Kombi einzuladen. Der Zollstock verriet, dass die Angelegenheit an Millimetern zu scheitern drohte. Dann packten beide Elternteile beherzt zu und luden das Klavier ein, das nur zaghafte Geräusche von sich gab, als strich ein Windhauch über die Saiten.

Als der Kombi, dessen rückwärtige Stoßstange, ob der Lasten, nur Zentimeter über der Straße schwebte, unseren Hof verließ, lachte ich mit Tränen in den Augen. Meine Hoffnung war, dass dieses Mädchen an meinem Instrument so viel Freude haben würde, wie ich an der Musik seines Kontinents. Damit schloss sich auf sehr unerwartete Weise ein Kreis und ich fand meinen inneren Frieden.

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Diese Kurzgeschichte ist mein Beitrag zum Autorengezumpel vom Sommer 2025. Die Thematische Vorgabe war: Nostalgie und Erinnerungen.
Wenn sie dir gefallen hat, dann hast du vielleicht auch Freude am Sammelband, der in vier Tagen als Taschenbuch erscheint. Alle Infos dazu findest du hier.

 

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