Wenn es dunkel wird in Deutschland
…schleichen sie aus ihren Häusern und treffen sich an gar nicht so geheimen Orten zum Austausch darüber, was von der Demokratie übrig ist und wie man sie retten kann. Sie nennen es die „Lange Nacht der Demokratie“. The Länd ist als Streber aus dem Süden natürlich ganz vorn mit dabei. Die Gemeinden überschlagen sich mit Angeboten, von „Klugscheissen für die Demokratie“ (wirklich! Pubquiz in Heidelberg) bis „ich backe mir meinen Kanzler selbst“ (nicht wirklich).
Was da unternommen wird, ist ein zaghafter Versuch der Annäherung, von Politik an ihre Bürger und des Volkes an seine Staatsform. Erwartungsgemäß werden solche Veranstaltungen von Überzeugungstätern besucht, nicht von Wutbürgern. Es ist ein Anfang, wenn auch für meinen Geschmack etwas zu artig.
Die Diskussionsrunde in Baden-Baden zum Beispiel. Alles darüber wie der Bürger sich einbringen kann, aber wenig davon was vonseiten der Kommunalpolitik getan wird, zum Beispiel um die Jugend im Netz vor Menschenfischern von Rechts zu schützen. Geschweige denn über Pläne wie Zukunft gestaltet werden wird, in der sich Menschen wieder abgeholt fühlen und neu lernen konstruktiv zu streiten.
Bürger abholen kann man am besten, wenn man sich zu ihnen hinbewegt. Die Würdenträger der Macht sollten jetzt genau das tun. Am Besten in hinterste Winkel der Republik und – weil’s erfahrungsgemäß sehr kommunikativ ist und man etwas von der Schönheit des Landes zu sehen bekommt – nur mit öffentlichen Verkehrsmitteln.
Das bringt mich auf eine Idee: Mein Vorschlag für das nächste Jahr wäre die „Lange Nacht der Demokratie – Politiker Challenge“, bei der Bürger ihren Regierenden Aufgaben stellen, wie zum Beispiel: „Umrüstung der Stromversorgung deines Hauses auf eine Wärmepumpe. Du hast nur einen ausgebuchten Anbieter sowie einen überlasteten Elektriker zur Verfügung und musst dich mit dem städtischen Versorger selbst auseinandersetzen.“
Auch gern: „organisiere gleichzeitig einen Kitaplatz für dein Kind, einen Pflegeplatz für deine demente Mutter und einen Therapieplatz für deinen Bruder“.
Realitätscheck müsste meiner Auffassung nach eine Einstellungsvoraussetzung für Politiker sein. Wenn sie schon Berufspolitiker sind, sollten sie wenigstens wissen, wovon sie reden.
Der Abstand zum eigenen Volk ist ein Problem, das ich für ursächlich halte, in Bezug auf die Wählerwanderung zu den Parteien an den Rändern.
Ziviles Engagement konnte man zumindest in Baden-Baden hautnah erleben. Sie waren alle da: Pro Demokratie, Netzwerk Asyl, die Caritas, Spektrum, das Jugendforum. Schade, dass der Jugendstadtrat wieder abgeschafft wurde. Davon zu hören fand ich persönlich sehr positiv. Da war offenbar eine meiner Ideen aus der Anthologie „630 – Stimmen der Gegenwart“ bereits umgesetzt worden.
Schüler in Frankreich machen gerade vor, wir ziviler Ungehorsam aussieht: in Schulgebäuden verschimmeln die Wände und es fällt den Schülern die Decke buchstäblich auf den Kopf. Die Kommunen tun originär, genau, nichts, weil sie pleite sind. Also Randale, die in Frankreich immer in Auseinandersetzungen mit der Polizei ausartet. Aber: Die Kids haben immerhin erzwungen, dass der Bildungsminister sich mit ihren Vertretern trifft und Studierende sich ihnen inzwischen anschließen. Hier kann man live miterleben wie aus zivilen Ungehorsam ein Momentum entsteht.
Ich will damit nicht sagen, dass wir den Bundestag stürmen sollten, schon ein brennender Autoreifen ginge ja völlig gegen unsere autodeutsche DNA, aber es bleibt uns bei einer derart schwachen Regierung wohl nichts anderes übrig, als Themen, die uns wichtig sind, selbst mit zukunftsvisionären Inhalten zu füllen. Dies geschieht bereits an vielen Ecken dieser Republik, im Unternehmertum, in der Wissenschaft und selbst im Volk, das alternative Formen des (Zusammen-)Lebens ausprobiert. Manchmal blitzen die Beispiele in der Berichterstattung auf. Ich würde mir mehr von diesen positiven Vibes wünschen, damit mir die Puste nicht ausgeht. Denn: Ziviles Engagement lebt vom Element Hoffnung.
Die vielleicht tröstlichste Ziffer lautet: Um dauerhafte Veränderung herbeizuführen braucht es nur 3,5 Prozent der Bevölkerung. Hat eine kluge Frau ermittelt, Erica Chenoweth. Das sind auf Deutschland bezogen lächerliche 2,8 Millionen und entspricht damit etwa der Menge an Fußballfans in der Arena des FC Bayern München während einer einzigen Saison. Klingt machbar, oder?
Also warten wir nicht mehr darauf, dass der Nachbar zuerst etwas unternimmt, sondern überlegen uns, wie wir selbst im Kleinen Veränderung bewirken können. Der Bürgermeister Baden-Badens ermutigte in seinem Überschwang die Zuhörer gar, sich selbst kommunalpolitisch zu engagieren. Das ging mir dann doch ein bisschen zu weit und war außerdem ein durchsichtiges Manöver. Nimm Kritiker in deine Reihen auf und zermürbe sie mit Tagesgeschäft. Nein, danke!
Die deutsche Demokratie als System wird nur überleben, wenn sich weite Teile der Gesellschaft dafür stark machen. Das ist nicht erst seit Frank-Walter Steinmeiers Rede zum Tag der Deutschen Einheit ein offenes Geheimnis, das nur noch Moderatoren deutscher Fernsehanstalten in seiner Deutlichkeit überraschen kann. Sich meckernd zurückzulehnen ist keine Option mehr. Also Hintern aus dem Sessel, und anpacken, dann wird vielleicht aus der nächsten langen Nacht, der längste Tag der Demokratie.

